330 km, ein Teller Nudeln und die Frage, ob ich ein Idiot bin
In Running & Fitness 4/2025 erschien unser TOR des Géants Feature. Meine ehrliche Nachbetrachtung – über falsche Annahmen, einen Nudelkrieg mit Sange Sherpa und warum mich dieser Artikel Monate später immer noch beschäftigt.
Manchmal braucht man Abstand, um ein Rennen wirklich zu verstehen.
In der Ausgabe 4/2025 von Running & Fitness hat Egon Theiner einen Beitrag veröffentlicht, der mich beim Lesen überrascht hat. Nicht weil ich die Geschichte nicht kannte – ich habe sie ja gelebt. Sondern weil erst der Blick von außen sichtbar macht, was man selbst im Tunnel nicht mehr wahrnimmt.
Der Artikel stellt zwei TOR-des-Géants-Erlebnisse nebeneinander: meines als Top-10-Finisher und jenes von Marianne Pfeiler-Opitz, die nach 145 Stunden als 632. ins Ziel kam. Selbe Strecke, selbes Wetter, komplett andere Realität. Ich habe den Text mehrmals gelesen – und jedes Mal etwas anderes darin gefunden.
Wie man ein 330-km-Rennen schon vor dem Start verbocken kann

Wenn ich ehrlich bin, war die Vorbereitung auf den TOR selbst schon ein Abenteuer. Familiäre Termine, beruflicher Stress, zwischendurch sah es sogar so aus, als würde gar nichts draus. Auf der Anreise noch schnell eine Nacht auf der Stüdlhütte am Großglockner – mehr für den Kopf als für den Körper. Und dann im Aostatal: Meine bestellte Verpflegung war nicht angekommen. Also auf der Expo für 200 Euro Enervit-Zeug kaufen. Gute Marke, keine Frage – nur hatte ich das Zeug vorher nie ausprobiert. Bis Mitternacht Dropbags sortiert.
Schlaf und stressfreie Tage vor einem 330-km-Rennen werden eh überbewertet, oder?
Erste Reihe Mitte, und dann die Ernüchterung
Am Start habe ich den ganzen Stress ausgeblendet. Erste Reihe Mitte, überzeugt, dass jetzt alles einfach wird. Nur noch laufen, essen und wenig schlafen. Die Vorbereitung war das ganze Jahr über gut gelaufen – Zeit der Ernte.
24 Stunden später, etwa 150 km und 10.000 Höhenmeter weiter, die Ernüchterung. Überall sehe ich, wie andere Athleten an jeder Labestation von ihren Teams betreut werden. Nicht nur an den großen Life Bases. Überall. Einer läuft ein Teilstück mit Hüftgurt, ohne Rucksack, ohne Startnummer. Und ich stehe da mit meiner durchdachten Strategie, die auf einer völlig falschen Annahme basiert.
Ich bin mit einem Messer zu einem Pistolenduell angetreten.
Nicht weil ich unvorbereitet war. Sondern weil ich das System TOR nicht verstanden hatte. Das ist ein Unterschied.

Der Nudelkrieg von Ollomont
Es gibt Momente in einem Rennen, die klingen im Nachhinein wie erfunden. In der Labe von Ollomont bestelle ich mir meine Nudeln, sitze da mit Sange Sherpa – und plötzlich eskaliert die Situation um einen Teller Kohlenhydrate. Mein Vater, der mich betreut hat, und Sange geraten aneinander. Der uralte Beschützerinstinkt eines Vaters trifft auf einen Nepalesen, der ebenfalls gerade 150 km in den Beinen hat.
Von asiatischer Gelassenheit war bei Sange jedenfalls nichts mehr zu sehen.
Und genau solche Szenen zeigen, was ein Ultra wirklich ist. Kein perfekt inszenierter Leistungssport, sondern ein Ausnahmezustand, in dem alle Masken fallen. Bei jedem. Egal welches Level.
Kein Schlaf, laute Musik und ein Comeback aus dem Nichts
Die Nacht war brutal. Laute Musik im Schlafbereich, kein Auge zugemacht, mental am Tiefpunkt. Danach habe ich den Laufrhythmus nicht mehr gefunden. Irgendwann habe ich mich einfach nochmal zwei Stunden hingelegt, weil es eh schon egal war.
Und dann: Aus dem Nichts kam ich wieder ins Rennen.
Das ist etwas, das man außerhalb von Ultras schwer erklären kann. Es gibt keinen rationalen Grund, warum es nach 48 Stunden plötzlich wieder funktioniert. Es passiert einfach. Oder eben nicht. Diesmal hat es funktioniert.

78 Stunden, Pizza, Bier – und eine Massage, die ich nie vergessen werde
Im Ziel: fertig, aber zufrieden. Erstmal Geburtstagsständchen für meinen Vater, Pizza und Bier. Um halb sieben abends wollte ich nur noch ins Bett.
Aber mein Vater hatte andere Pläne. Spontan einen Massagetermin organisiert. Ich wollte mich wehren, hatte keine Chance, stand Minuten später wie ein Häufchen Elend vor einer Italienerin. Rücken ging noch. Füße schon weniger. Oberschenkel noch weniger. Und als sie mir auf den Bauch drückte – nach 78 Stunden Gels und Kohlenhydraten – bin ich aufgesprungen, zur Toilette geeilt, und nie wiedergekommen.
Der Blähbauch nach dem TOR war eine größere Challenge als der gesamte TOR.
Was mich Monate später noch beschäftigt
Am Tag nach dem Rennen saß ich beim dritten Bier, diskutierte mit anderen über Regeln und Regelverstöße. Dann kam die Nachricht: Es gäbe Videoaufnahmen von Verstößen anderer. Ein Protest könnte mich in meiner Altersklasse aufs Podium bringen.
Ich habe es gelassen. Nicht mein Stil. Nicht meine Art.
Donnerstagabend Sachen gepackt, um 21 Uhr losgefahren, die Nacht durchgefahren – Papa und ich haben uns alle ein, zwei Stunden am Steuer abgewechselt. Freitag um sieben daheim. Frühstück mit der Familie. Samstag mit den Kindern zum Bäcker und in die Boulderhalle.
Einerseits unendlich froh, wieder im echten Leben zu sein. Andererseits: Es hat geschmerzt, die Siegerehrung am Sonntag nicht erleben zu können.
Zwei Perspektiven, eine Wahrheit
Was den Artikel für mich so stark macht: Während ich längst daheim war und über verpasste Podiumschancen nachdachte, kämpfte sich Marianne noch durch die vierte, fünfte Nacht. Halluzinationen, Steinbrocken die plötzlich vor dem Gesicht auftauchen, die Frage ob man überhaupt noch weiterlaufen kann.
Und dann der Sonntag: Marianne im Ziel, die ganze Stadt feiert, Tränen. 145 Stunden.
Gleiche Strecke, doppelte Zeit, mindestens gleich viel Leistung. Wer nur auf Ergebnislisten schaut, versteht das nie.
Zurück zum TOR – weil es noch nicht fertig ist

Der TOR als Abenteuer ist episch. Die Gegend ist teilweise unberührt, Sonnenauf- und -untergänge, die man nicht mehr vergisst. Aber wer beim TOR ganz vorne mitlaufen will, braucht ein großes Supportteam und genaue Streckenkenntnis. Das weiß ich jetzt.
Und genau deshalb werde ich den TOR 330 noch einmal laufen. Nicht trotz allem, was schiefgelaufen ist – sondern wegen allem, was ich daraus gelernt habe. Ich will mich noch einmal dieser Herausforderung stellen und es besser machen. Mit dem Wissen, wie das System TOR wirklich funktioniert. Mit der richtigen Vorbereitung. Und diesmal nicht mit einem Messer zum Pistolenduell.
Der vollständige Artikel von Egon Theiner ist in der Ausgabe 4/2025 von Running & Fitness erschienen.
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