29. Oktober 2016, 03:40 Uhr. Das österreichische Nationalteam macht sich von Braga auf den Weg zur Trail-Weltmeisterschaft. Eigentlich habe ich mir vorgenommen, einfach laufen zu gehen: 85 Kilometer durch den Nationalpark Peneda-Gerês, 4.680 Höhenmeter. Aber nach der Flaggenparade und der Eröffnungsfeier ist von diesem „einfach“ nicht mehr viel übrig.
Überall Profis im Nationaldress. Und mittendrin ich, plötzlich mit einem Nationalstolz, den ich so noch nicht gekannt habe. Ich möchte Österreich ordentlich vertreten. Dieser Gedanke baut Druck auf, den ich mit fünf Klogängen vor dem Start erfolglos loszuwerden versuche.
Jetzt stehe ich hier. Nervös. Mit vollem Magen. Bereit.
Rio Caldo, fünf Uhr früh

Der Start ist schnell. Sehr schnell. Ich lasse mich trotzdem nicht mitreißen und laufe mit gemütlicher Musik im Ohr mein Tempo. Erst zwei Kilometer auf der Straße, dann geht es innerhalb von drei Kilometern die ersten 700 Höhenmeter hinauf.
Rundherum wird schon kräftig geschnauft. Schlagartig ist die Nervosität weg: Die kochen hier auch alle nur mit warmem Wasser. Ich bin gut trainiert, habe Erfahrung und Spaß am Laufen. Also: Bremse lösen.
Als hätte mein Teamkollege Michael Kabicher gerade dasselbe gedacht, starten wir gemeinsam in den Downhill. Bis zur ersten Labe, der Verpflegungsstation bei Kilometer 15, überholen wir laufend. Nach 1:22 Stunden passieren wir die Zeitnehmung ungefähr auf Platz 60. Fünfzehn Kilometer, rund tausend Höhenmeter, und damit bist du bei dieser WM mitten im Feld.
Beim zweiten Anstieg ist es noch dunkel, aber schon unangenehm stickig. Die Hitzeschlacht beim UTMB 2015 sitzt mir im Kopf. Ich möchte möglichst viel Strecke zurücklegen, bevor die Sonne richtig herunterbrennt. Das ist eine bewusste Wette: Jetzt mehr riskieren, um später etwas Tempo herausnehmen zu können.
Bei Kilometer 30 bin ich nach 2:58 Stunden mittlerweile Dreißigster. Meine Frau wartet mit frischen Flasks und Gels. Der Boxenstopp funktioniert perfekt. Schon wieder draußen.
Serra Amarela: Ego abschalten
Vor den nächsten fünfzehn Kilometern habe ich Respekt. Viel hinauf, wenig hinunter, bis zum höchsten Punkt der Strecke. Inzwischen laufe ich allein, und es ist heiß.
Hier hilft mir eine Taktik, die auch dann noch funktioniert, wenn im Kopf nicht mehr viel Kapazität übrig ist: An jeder Labe beginne ich bei null. Überhole ich jemanden, rechne ich plus eins. Werde ich überholt, minus eins. Solange ich mich zwischen plus und minus fünf bewege, mache ich mir um meine Position keine großen Sorgen.
Hohe Mathematik. Geht sogar noch bei geistiger Umnachtung.
Florian Reichert überholt mich im Anstieg ziemlich locker. Ich könnte mich jetzt dranhängen. Ein bisschen mehr Druck, ein bisschen mehr beißen. Aber ich habe ihn beobachtet: Er ist bergauf stärker, ich bergab. Warum sollte ich ausgerechnet hier sein Rennen laufen?
Also lasse ich ihn ziehen. Gleich nach der Labe hatte ich schon jemanden überholt. Mit ihm bin ich wieder bei null.
Ich sehe oft, wie Läufer mit aller Gewalt versuchen, an jemandem dranzubleiben, der gerade vorbeizieht. Zu diesem Zeitpunkt hat jeder seine Höhen und Tiefen. Vielleicht läuft es bei ihm gerade zehn Minuten gut. Wenn ich dafür meinen Rhythmus aufgebe, stehen wir womöglich zehn Minuten später beide fertig am Wegrand.
Die Zahl hält mein Ego beschäftigt, während die Beine ihren Job machen.
Ganz so elegant funktioniert allerdings nicht alles. Meine zwei Halbliterflasks werden auf diesem Abschnitt verdammt knapp. Die letzten dreißig Minuten teile ich mir die verbliebenen hundert Milliliter in kleine Schlucke ein. Bei der Labe stehe ich bei plus sechs. Das hilft dem Kopf. Der Körper möchte vor allem trinken.
Ich schütte die Cola so hastig hinein, dass sie durch die Nase wieder herauskommt. Kein besonders würdevoller Auftritt im Nationaldress.
Dann neun Kilometer bergab. Hart, schnell, technisch. Nach nicht einmal 38 Minuten bin ich in Lindoso, inzwischen auf Platz 21.

Eine Burg, die ich nicht gesehen habe
Flasks wechseln, Gels mitnehmen, weiter. Erst später erfahre ich von meiner Frau, dass die Labe bei einer irrsinnig schönen Burg war. Es wäre gelogen zu behaupten, dass ich bei diesem Tempo die Landschaft in vollen Zügen wahrnehme.
Der nächste Abschnitt schaut im Profil harmlos aus. Acht Kilometer, ein vergleichsweise kleiner Anstieg. In der Hitze zieht er sich trotzdem. Bei jedem Bach bleibe ich stehen, tauche mein Kapperl ein und schütte mir Wasser über den Körper. Teilweise tut es auch eine Lacke. Kostet Zeit, hilft mir aber.
Soajo: plus drei. Es läuft.
Der letzte große Berg ist mir von unserer Streckenbesichtigung bekannt: 700 Höhenmeter auf vier Kilometern. Mir graut davor. Es dauert eine gefühlte Ewigkeit. Als ich Tom Owens überhole, gibt mir das einen gewaltigen Schub. Jetzt bloß keinen Fehler mehr machen.
Mezio und das angebliche Bergabstück
In Mezio komme ich als Siebzehnter an. Kurz durchschnaufen, Pflichtausrüstung kontrollieren lassen. Laut meiner Lesart des Profils geht es die letzten zwölf Kilometer bergab.
Zunächst stimmt das auch. Dann überholt mich ein Läufer. Minus eins. In Ordnung.
Weniger in Ordnung ist die Wand, die sich vor mir auftürmt. Hundert Höhenmeter bergauf, gefühlt senkrecht. Wieder hinunter. Wieder hinauf. Ich muss mir das Lachen verkneifen und stelle mir vor, wie der Streckenplaner beim Einbauen dieser Gemeinheiten grinst.
Nur noch eineinhalb Kilometer. Den Zielort sehe ich schon. Das muss jetzt doch gemütlich auf der Straße auslaufen.
Denkste. Noch ein Trail an der Ortsgrenze entlang, hinauf und hinunter.
Ich stelle mir vor, ich wäre eine Ameise unter der Lupe eines Kindes. Die Sonne brennt. Aber statt zu verenden, zeige ich dem Kind den Mittelfinger: Ist das schon alles?
Also im Kopf. Nicht tatsächlich.
Noch Kopfsteinpflaster bergab, dann steht Julia da und reicht mir die österreichische Flagge. Ich springe ins Ziel. Platz 18, 9:25:32 Stunden. Zufrieden mit mir und der Welt.
An diesem Tag ist viel aufgegangen. Auch, dass ich einen anderen habe ziehen lassen.
Was ich davon heute mitnehme
Die Stelle mit Florian Reichert beschäftigt mich auch als Unternehmer. Ich hatte ein Ziel und genügend Ehrgeiz. Trotzdem war es in diesem Moment richtig, den Abstand zu ihm größer werden zu lassen. Ich wusste, wo ich stärker war und was mich das Mitgehen gekostet hätte.
Für mich liegt darin eine ziemlich konkrete Führungsfrage: Ändere ich meinen Plan, weil ich etwas verstanden habe? Oder weil ich es gerade nicht aushalte, dass jemand anderer schneller ist?
Diese Pause zwischen Reiz und Reaktion kenne ich auch von meinem roten Stoppschild gegen die Gedankenspirale. Erst schauen, was tatsächlich passiert. Dann entscheiden. In Portugal reichten dafür manchmal zwei Wörter: minus eins.
Die Zählregel hat das Rennen nicht für mich gelaufen. Sie hat mir geholfen, bei meiner Entscheidung zu bleiben. Ein klares Ziel im Kopf und die Freiheit, unterwegs nicht auf jede Bewegung der anderen zu reagieren, passen gut zusammen.
Ein weiteres Rennen, bei dem Kopf, Körper und Konkurrenz ihre eigenen Pläne hatten: Neunter beim UTMB – immer noch unfassbar.
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Auf der Bühne verbinde ich meine Erfahrungen als Unternehmer und Ultra-Trailrunner: Entscheidungen unter Druck, Verantwortung und die Balance zwischen Leistung, Beruf und Familie.
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