
Der Plan B, für den ich nicht bereit war
Mein TOR des Géants 2026 endete in Rhêmes-Notre-Dame – über zu viele Baustellen, eine mögliche lange Wanderung und den Athleten in mir, der diesen Plan B nicht annehmen konnte.
Am Sonntag um zehn Uhr wurde meine Welt tatsächlich einfach. Genau so, wie ich es vor dem Start beschrieben hatte: laufen, essen, wenig schlafen. Der Weg war markiert, das Ziel hieß Courmayeur, und dazwischen gab es nur den nächsten Anstieg, den nächsten Pass und die nächste Verpflegungsstation.
Am Anfang war echt alles gut. Ich bin im Tun einfach aufgegangen.
Dieses Mal hielt diese einfache Welt nicht lange.
Mein TOR des Géants 2026 endete in Rhêmes-Notre-Dame. Rund 270 Kilometer vor dem Ziel.
Natürlich bin ich enttäuscht. Im Moment vor allem mental. Körperlich fühlt es sich fast irritierend unspektakulär an. Meine Beine waren nicht kaputt. Es gab keinen großen Sturz und keine einzelne Verletzung, die mir die Entscheidung abgenommen hätte.
Stattdessen kamen zu viele kleinere und größere Baustellen zusammen.
Zu viele Probleme gleichzeitig
In der Höhe wurde mir schwindlig. Zeitweise habe ich fast nichts mehr gesehen. Dann kamen massive Krämpfe dazu. Vermutlich hatte ich zu wenig getrunken und zu wenig Elektrolyte aufgenommen. Irgendwann bekam ich auch nichts mehr vernünftig hinunter.
Jedes dieser Probleme für sich wäre vielleicht lösbar gewesen. Kurz langsamer werden. Mehr trinken. Etwas essen. Ruhe bewahren. Einen Tiefpunkt aussitzen.
Aber bei einem Rennen über 330 Kilometer zählt nicht nur, ob man das nächste Problem irgendwie lösen kann. Man muss auch daran glauben, dass man die nächsten 270 Kilometer mit den Folgen dieser Probleme bewältigen kann. Aus mehreren einzelnen Baustellen war ein System geworden, das nicht mehr funktioniert hat.
Das ist die sachliche Erklärung. Sie ist aber nicht die ganze Wahrheit.
Der unbequeme Teil der Wahrheit
Ich hätte wahrscheinlich zwei Stunden schlafen und danach weitergehen können. Langsam, vorsichtig, Schritt für Schritt. Aus dem Rennen wäre eine sehr lange Wanderung geworden. Irgendwie wäre vielleicht sogar das Ziel möglich gewesen.
Für diesen Plan B war ich mental nicht bereit.
Wenn ich den TOR noch nie beendet hätte, wäre das vielleicht anders gewesen. Dann hätte mich allein die Aussicht auf die Finisher-Weste weitere 270 Kilometer tragen können. Aber nach meinem zehnten Platz im vergangenen Jahr konnte ich das Rennen, für das ich gekommen war, nicht loslassen.
Ich war psychisch nicht bereit, mich von Hunderten Läuferinnen und Läufern überholen zu lassen und mich nur noch für das Ankommen durch den Rest der Strecke zu bewegen.
Das ist keine Wertung über andere. Wer nach Problemen, Schlaf und vielen langsamen Stunden weitergeht, zeigt eine Stärke, die mindestens so viel Respekt verdient wie jede schnelle Zeit. Es ist ausschließlich eine ehrliche Aussage über mich an diesem Tag.
Man kann es Ehrgeiz nennen. Stolz. Ego. Oder den Athleten in mir, der doch noch stärker ist, als ich manchmal zugeben möchte. Dieser Teil von mir konnte die Version des Rennens, die noch übrig war, nicht annehmen.
Das klingt weniger heldenhaft als die Geschichte vom Kämpfer, der sich um jeden Preis ins Ziel schleppt. Aber es ist die Wahrheit.
Die Rechnung der letzten Monate
Es gibt dafür keine einfache Ausrede und niemand anderen, dem ich die Verantwortung geben könnte.
Die letzten Monate waren nicht die Vorbereitung, die 330 Kilometer verlangen. Die Firma, die Arbeit, zu wenig Schlaf und zu wenig Erholung haben Spuren hinterlassen. Das wusste ich vor dem Start. Ich wollte trotzdem glauben, dass Erfahrung, Lust und Wille die Lücken schließen können.
Diesmal konnten sie es nicht.
Mein Hashtag #lifeworktrailbalance beschreibt ein Ziel, keinen Dauerzustand. Dieses Jahr war lange unbalanced. Ein Rennen wie der TOR diskutiert nicht darüber, warum eine Vorbereitung so gelaufen ist. Er stellt nur die Rechnung.
Irgendwann reicht es nicht mehr, sich zu sagen, dass man schon viele Krisen überwunden hat. Wille ersetzt weder Flüssigkeit noch Elektrolyte, Nahrung, Schlaf oder eine monatelang stabile Vorbereitung. Das offizielle Tracking und Ergebnis zeigt am Ende nur, wo das Rennen aufgehört hat. Die Monate davor stehen dort nicht.
Vielleicht hätte ich mit einem anderen Kopf weitergehen können. Vielleicht hätte sich der Körper nach zwei Stunden Schlaf wieder gefangen. Vielleicht wäre ich irgendwann wieder ins Rennen gekommen. All diese Möglichkeiten existieren im Nachhinein.
In Rhêmes-Notre-Dame waren sie für mich nicht mehr real.
Was jetzt bleibt
Im Moment bleibt zuerst die Enttäuschung. Ich muss sie nicht sofort in eine Lektion, einen Motivationsspruch oder das nächste Ziel verwandeln. Das rote Stoppschild gegen die Gedankenspirale gilt auch jetzt: Erst erholen, dann analysieren. Die Enttäuschung darf wehtun, ohne dass ich daraus sofort ein Urteil über mich machen muss.
Mit etwas Abstand werde ich mir ansehen, was tatsächlich passiert ist: Flüssigkeit, Elektrolyte, Ernährung, die Probleme in der Höhe und meine mentale Reaktion auf den verlorenen Rennplan. Nicht um eine bessere Ausrede zu finden, sondern um die richtigen Schlüsse zu ziehen.
Der TOR schuldet mir nichts. Ich schulde mir nur eine ehrliche Geschichte darüber, warum ich ihn diesmal nicht beendet habe.
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