
Sonntag, 10 Uhr: Dann wird meine Welt wieder einfach
Tor des Géants 2026: Firma von acht auf drei geschrumpft, 5:55 Stunden Schlaf im Schnitt seit März – und warum ich mich trotzdem auf Sonntag, 10 Uhr freue.
Im Jänner hat mich der Tor des Géants überrascht. Newsletter #04/2026, ganz oben das Titelfoto: der Start 2025 in Courmayeur, in der Mitte ich, Startnummer 4. Mit einem Gesicht, das man nur macht, wenn man noch nicht weiß, was die nächsten 78 Stunden mit einem vorhaben.

Der TORX-Newsletter vom 29. Jänner 2026 – Startnummer 4, ganz oben auf dem Titelfoto
In der Firma ist zu dem Zeitpunkt gerade alles den Bach runtergegangen. Und dann sehe ich dieses Foto – und das Feuer ist sofort wieder da. Zurück ins Aostatal, und diesmal richtig: so viel trainieren wie noch nie.
Optimist, der ich bin, glaube ich immer an das Beste. Wer schon einmal drei Tage am Stück unterwegs war, weiß es ohnehin: Nach jedem Tief kommt wieder ein Hoch. Das gilt nicht nur am Berg.
So weit der Stand im Jänner.
Von acht auf drei
Meine Firma ist in diesem Jahr von acht auf drei Leute geschrumpft. Nicht über Nacht, sondern in Etappen, und jeder hatte gute Gründe. Was geblieben ist, sind die Projekte, die Kunden und die Verantwortung – und die liegt jetzt vor allem bei mir. Also: tagsüber Kundenprojekte, nachts der Rest.
Die Uhr lügt nicht. Seit Mitte März gehe ich im Schnitt um 01:22 Uhr schlafen, 5:55 Stunden Schlaf pro Nacht. Ein halbes Jahr lang. Nicht die Zahl, mit der man vor einem 330-Kilometer-Rennen angibt. Aber es ist die Zahl.
Gelaufen bin ich trotzdem. Nur eben nicht so, wie es im Jänner gedacht war. Oft in der Früh, bevor der Laptop aufging, weil ich gelernt habe, dass eine Einheit um 6 Uhr stattfindet und eine um 18 Uhr eher nicht.
Ende Juni habe ich dann einen Start abgesagt. Den Val d’Aran, ein Rennen, auf das ich mich gefreut hatte. Mir war beim lockeren Dienstagslauf schwindlig geworden. Nicht die Fitness war das Problem, die Erholung. Das rote Stoppschild aus meinen Vorträgen habe ich diesmal nicht gegen eine Gedankenspirale gebraucht, sondern gegen meinen eigenen Plan.
Hätte ich nur einen Tag länger gehabt
Kennt ihr das Gefühl von früher, am Abend vor einer Schularbeit? Einen Tag länger zum Lernen, dann wäre es sich ausgegangen. Genau so fühlt sich diese Woche an. Nur weiß man mit Mitte vierzig: Der eine Tag hätte eh nicht gereicht. Es hilft nichts, das Leben ist so, wie es ist.
#lifeworktrailbalance ist seit Jahren mein Hashtag. Heuer war er sehr unbalanced. Jetzt arbeite ich mit dem, was da ist.
Was ich beeinflussen kann
Letztes Jahr bin ich, wie ich später gesagt habe, mit einem Messer zum Pistolenduell angetreten: alles selbst getragen, alles selbst gemischt, an sechs Punkten Support, während die anderen an jeder Hütte ihre Crew hatten. Heuer habe ich die richtige Waffe dabei. Mein Vater, der im Vorjahr mitten im Rennen Geburtstag hatte, steht diesmal an 15 Punkten statt an sechs. Die Pakete sind gerechnet und noch einmal nachgerechnet. Ich weiß, wo ich schlafe, und ich weiß, wo ich es nicht tue. Der Rucksack ist heuer nur bis zum nächsten Stopp gepackt, nicht bis zur nächsten Life Base. Ob ich sie auch führen kann, weiß ich erst im Ziel.
Was mir fehlt, sind die Trainingswochen, die im Plan standen – und Schlaf. Die hole ich bis Sonntag nicht mehr auf. Was ich habe, ist Lust. Richtig Lust. Die ist eh da – mehr, als heuer Zeit dafür war.
Sonntag, 10 Uhr

Erste Reihe, Sonntag, 10 Uhr – so hat es 2025 begonnen. Und so beginnt es heuer wieder.
Sonntag, 13. September, 10:00 Uhr, Courmayeur. Dann passiert etwas, auf das ich mich seit Wochen freue: Meine Welt wird einfach.
Kein Claude, kein Codex, keine To-dos aus der Firma. Kein Teams-Chat, kein Merge um Mitternacht. Nur noch laufen, essen und wenig schlafen – und das mit dem Wenig-Schlafen, gut, das bin ich heuer gewohnt.
So blöd es klingt: drei Tage lang keine einzige Sorge außer der nächsten Labestation, dem nächsten Pass und dem nächsten Paket von Papa. 330 Kilometer, 24.000 Höhenmeter, und trotzdem ist es die einfachste Aufgabe, die ich seit einem halben Jahr habe. Der Weg ist markiert, das Ziel ist Courmayeur, und dazwischen ruft niemand an.
Das will ich genießen. Ohne Druck – und ja, ich habe Ziele, aber die rechne ich am Sonntag nicht mit, die laufe ich.
Ernst nehme ich es trotzdem. Ich gebe mein Bestes – nur eben das Beste von diesem Jahr, mit diesen Beinen und diesem Schlafkonto. Was heuer fehlt, weiß ich ziemlich genau: vor allem Schlaf und weniger Stress. Dafür bin ich eine Teilnahme und ein Jahr reicher an Erfahrung – und freue mich ehrlich darauf, einfach zu laufen. Mal schauen, ob das mehr zählt als ein sauberer Trainingsblock.
Wer mitschauen mag: Das Live-Tracking läuft ab Sonntag. Wenn alles gut geht, stehe ich am Mittwoch wieder in Courmayeur – drei Tage und drei Nächte nach dem Start. Und dann wird meine Welt wieder kompliziert. Aber das ist ein Problem für Mittwoch.
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