
Lieber laufen als posten: Warum ich das Spiel kenne und trotzdem nicht mitspiele
Zwei europäische Silbermedaillengewinner erzählen, dass sie über Zäune klettern und um ihre Miete bangen. Ein Satz daraus beschreibt meine Realität ziemlich genau – nur mit anderen Vorzeichen.
In meinen fünf Minuten Social Media – dazu zählt bei mir auch LinkedIn – bin ich über das Foto einer Zeitungsseite gestolpert. Britische Tageszeitung, Sportteil, geschrieben während der Leichtathletik-EM in Birmingham. Die Schlagzeile, sinngemäß übersetzt: „Es zahlt sich mehr aus, ein schlechter Läufer mit guten Social-Media-Kanälen zu sein.“ Darunter: Zwei europäische Silbermedaillengewinner erzählen, wie sie von Sportplätzen verjagt werden und sich um die Miete sorgen.
Meine fünf Minuten waren um, bevor ich fertig gelesen hatte. Also Screenshot, für später. Den Beitrag selbst habe ich dann nicht mehr gefunden – so viel zum Thema fünf Minuten. Geschrieben hat den Artikel Molly McElwee für The Times.
Ich habe ihn gelesen und danach eine Weile aus dem Fenster geschaut. Nicht weil mich irgendetwas darin überrascht hätte. Sondern weil ein einziger Satz darin meine eigene Situation besser beschreibt als alles, was ich in acht Jahren auf diesem Blog dazu geschrieben habe.
Was in dem Artikel steht
Der britische Sprinter Toby Harries ruft zu Beginn des Artikels einen Teamkollegen an und fragt, ob es für eine Silbermedaille eigentlich Geld gibt. Kurze Stille am anderen Ende. Dann ein trockenes Nein. Er habe es sich fast gedacht, sagt Harries, wollte aber sichergehen.
Harries hat Silber bei der EM, Silber bei den Commonwealth Games und Bronze bei Olympia. Verdient hat er damit, nach eigener Aussage, nichts. Sein Satz dazu ist der beste des ganzen Artikels: Man könne die Rechnungen nicht mit Stolz und Ehre bezahlen.
Die Zahlen dahinter sind schnell erzählt. Harries bekommt über das britische Förderprogramm rund 22.000 Pfund im Jahr, steuerfrei. Für Reisen, Trainer und Physiotherapie gehen davon etwa 1.200 Pfund im Monat weg. Bleiben unter 8.000 Pfund zum Leben. Für ein ganzes Jahr. Den Rest verdient er mit Social Media, Mentoring und Vorträgen dazu.
Sein Staffelkollege Ben Jefferies, 26, ebenfalls Silbermedaillengewinner, ist nicht einmal im Förderprogramm. Bis vor Kurzem hat er in den USA Vollzeit als Coach gearbeitet, um sein eigenes Laufen zu finanzieren. Er bekommt Trainerstunden von einem Familienfreund geschenkt und Physiotherapie im Tausch gegen Social-Media-Beiträge. Er erzählt, dass er über Zäune von Sportplätzen geklettert ist und ein paar Mal davongejagt wurde. Sein Kommentar dazu, mit dem Humor von jemandem, der es überstanden hat: Zum Glück sei er schnell, erwischt worden sei er nie.
Ein achter Platz bei einem Diamond-League-Meeting hat ihm 1.000 Dollar gebracht. Das, sagt er, habe ihn über Wasser gehalten. Über den nächsten Monat sagt er, er mache sich Sorgen wegen der Miete.

Drei Uhr nachts irgendwo im Aostatal. Die Welt beschränkt sich auf den Lichtkegel vor dir – weit weg von Social Media und Co.
Der Satz, um den es geht
An einer Stelle erklärt Harries, warum die Verträge, die es vor fünf, sechs Jahren noch gab, verschwunden sind. Die Budgets der Schuhmarken wandern von Athleten zu Fitness-Influencern. Wer nicht Weltklasse ist oder hunderttausende Follower hat, bekommt gar nichts mehr. Ein dazwischen gibt es nicht mehr.
Dann sagt er den Satz, aus dem die Schlagzeile gemacht wurde, sinngemäß:
Man ist besser dran, wenn man Weltklasse auf Social Media und ein mäßiger Athlet ist, als umgekehrt.
Und weil das noch nicht bitter genug ist, kommt ein Detail hinterher, das mich beim Lesen wirklich getroffen hat: Vor einem Jahr hat man Harries bei einer großen Marke gesagt, er sei zu alt. Er war damals 26.
Warum mich das etwas angeht
Ich bin auf der falschen Seite dieses Satzes. Sehr eindeutig sogar.
Zur Einordnung, ohne falsche Bescheidenheit: Neunter beim UTMB, drei Siege beim Großglockner Ultra-Trail, Zehnter beim Tor des Géants, Zweiter beim Ultra Trail Snowdonia, mehrfach Trailrunner des Jahres. Auf Instagram folgen mir keine 5.000 Menschen, und mein Profil füllen in letzter Zeit vor allem andere: Kollaborationen mit meinem Partner BOA, Beiträge von Filmemachern, Veranstaltern. Die Reichweite, die ich habe, haben mir großteils andere gebaut.
Weltklasse-Athlet, mäßig auf Socials. Genau die Kombination, von der Harries sagt, dass sie sich am wenigsten auszahlt.
Schon 2019 habe ich hier geschrieben, dass ich in acht Jahren Trailrunning 600 Euro Preisgeld gewonnen und von Sponsoren nie einen Geldbetrag erhalten habe. An der Grundaussage hat sich bis heute nichts geändert. Ich lebe nicht vom Laufen und habe nie davon gelebt.
Am Trailrunning selbst hat sich seit 2019 dagegen fast alles geändert. Aus einer Nische ist eine Milliardenindustrie geworden: Allein Trailrunning-Schuhe sind laut Marktforschern knapp zehn Milliarden Dollar im Jahr schwer. Beim UTMB in Chamonix haben die Marken heuer Influencer eingeflogen, eigene Rennen und Community Runs veranstaltet und, wie eine Läuferin schreibt, die vor Ort war, lieber Leute mit vielen Followern eingeladen als die, die etwas für den Sport tun. Es gibt die Vollprofis. Aber es gibt vermutlich mehr, auf die genau dieser Satz passt.
Der Unterschied zwischen mir und den beiden Briten ist trotzdem gewaltig, und ich will ihn nicht kleinreden: Sie haben keine Wahl, ich schon. Jefferies muss das Spiel spielen, weil am Monatsende die Miete fällig ist. Für ihn ist Social Media kein Zeitfresser, sondern die Voraussetzung dafür, seinen Sport überhaupt weiter ausüben zu können. Meine Rechnungen bezahlt meine Firma. Ich kann es mir leisten, ein schlechter Influencer zu sein. Das ist kein Verdienst, das ist ein Privileg.
Ich weiß, dass es sich auszahlen würde
Und trotzdem, das ist der Teil, der mir schwerer fällt als alle Zahlen: Ich könnte jetzt so tun, als stünde ich über dem Spiel. Stimmt aber nicht. Ich weiß genau, was ich liegen lasse.
Eigentlich sollte ich mich zur Ruhe setzen. Mitte 40, Vollzeit-Unternehmer, Vater von Zwillingen. Ich habe alles erreicht, und ich bin nicht auf das Geld angewiesen. Rein rational wäre jetzt der Moment umzusteigen: von der Leistung auf die Geschichte. Fünfzehn Jahre Ultra-Trail sind ein Archiv, mit dem sich arbeiten ließe. Ich nenne es mit einem Augenzwinkern den Legendenstatus, und den gibt es heute nur über Social Media. Ergebnisse allein reichen dafür nicht. Das beweisen die zwei Silbermedaillen in diesem Zeitungsartikel eindrucksvoll.
Ich mache es trotzdem nicht. Weil ich noch selbst laufen will. Nicht über das Laufen reden, nicht das Laufen inszenieren. Laufen. Dass der Athlet in mir noch nicht fertig ist, habe ich beim TOR in Rhêmes-Notre-Dame gemerkt.
Fünf Minuten
Mein Tag hat 24 Stunden wie jeder andere. Ein paar davon gehören der Firma, die heuer von acht auf drei Leute geschrumpft ist, ein paar der Familie, ein paar dem Schlaf, der Rest dem Training. Was übrig bleibt, ist nichts. Aus diesem Nichts müsste ich die Stunde am Tag schneiden, die ein ernsthafter Kanal braucht: planen, filmen, schneiden, posten, antworten, wieder antworten.
Deshalb steht auf meinem Handy ein hartes Limit: fünf Minuten Social Media am Tag. Nicht als Symbol, sondern als Schutz. Ich kenne mich, ohne Limit würden aus fünf Minuten fünfzig, und die fünfzig würden dem Berg fehlen. Oder den Kindern.
Fünf Minuten reichen, um zu sehen, was los ist. Sie reichen nicht, um irgendetwas davon ernsthaft zu beantworten.
Der unangenehme Teil
Damit bin ich beim eigentlichen Grund für diesen Beitrag. Es geht nicht um Follower und nicht um Sponsoren, sondern um euch.
In meinen Nachrichten stehen regelmäßig Fragen. Echte, gute Fragen von echten Menschen:
Florian, wie werde ich im Downhill schneller?
Ich möchte meinen ersten Ultra laufen, kannst du mir Tipps geben?
Jede dieser Fragen verdient eine ehrliche Antwort. Und eine ehrliche Antwort auf die erste ist kein Zweizeiler. Sie hängt davon ab, wer fragt, wie lange die Person schon läuft, was die Knie hergeben, was das Ziel ist. Das dauert. In fünf Minuten geht sich das nicht aus, schon gar nicht bei mehreren Fragen am Tag.
Also bleiben viele liegen. Ich weiß, wie das von außen wirkt: Der antwortet nicht, der hält sich für etwas Besseres. Das tut mir aufrichtig leid. Es ist kein Desinteresse, es ist ein Zeitbudget, und das ist aufgebraucht, bevor ich die App überhaupt öffne.
Und dann gibt es noch die andere Seite. Rund um den TOR habe ich zwei Beiträge gepostet: einen vor dem Start, einen nach meinem Ausstieg. Unter dem zweiten stand auf Facebook ein Kommentar auf Französisch, übersetzt: anstrengende Inszenierung.
Zugegeben, das beschäftigt mich. Ich bin kein Politiker, der sowas einfach abschüttelt.
Zu alt mit 26
Zum Schluss noch einmal zurück zu dem Detail, das mich am meisten beschäftigt hat. Einem Europameisterschafts-Zweiten und Olympiadritten wurde mit 26 gesagt, er sei für eine Partnerschaft zu alt.
Ich bin fast doppelt so alt und stehe immer noch bei den größten Rennen der Welt als Top Runner am Start. Nicht, weil ich ein besonderes System gefunden hätte, sondern weil mich nie jemand bezahlt hat und mir deshalb auch nie jemand sagen konnte, wann ich fertig bin. Was mir über die Jahre gefehlt hat, hat mich am Ende freigemacht.
Vielleicht kostet mich das den Legendenstatus. Damit kann ich leben. Ich war nie besonders gut darin, mich selbst zu vermarkten. Ich war ganz gut darin, zu laufen. Und für die Jahre, die mir davon noch bleiben, ist mir das einfach wichtiger.
Euer Florian aka Trailbeard
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